Gegenstand: Der Tannenbaumverkauf in meinem Heimatdorf von einem Mann, den ich Den Mann nenne, weil ich seinen richtigen Namen nicht weiß.

Man darf nicht zu lange zwischen den Zweigen stehen, sonst macht sich seinerseits Ungeduld breit. Er will nicht, dass sich etwas verbiegt, dass die Tannenbäume zerknickt werden, weil sich ein zu dicker Körper zwischen ihnen hindurchschiebt, um sie zu betrachten. Alle Körper sind zu dick zwischen den Tannenbäumen. Er hat sie den langen Weg aus dem Norden hergebracht, die Tannenbäume sind seine Babys. Stell dir ein zerknittertes Baby vor, eines an dem Arme und Beine abgebrochen sind, weil du dich zu eng an ihm vorbeigeschoben hast. Natürlich wär’ die Mutter sauer.

Zerknitter mir nix, ruft er von der Kasse aus, die er nie loslässt. Eine kleine Geldkassette mit Schloss, so einem, das kann ich mit einer Haarnadel aufstechen. Zerknitter mir nix, ruft er.

Der Mann ist alt und eigen und immer schon grau. Er verkauft Tannenbäume, ab Oktober, dann ist er aus dem Norden zurück, da kommen die Bäume her. Niemand will Tannenbäume Anfang Oktober. Aber Ende des Sommers fährt er für ein paar Wochen in den Norden und dann kommt er zurück und hat Bäume dabei und die müssen dann eben verkauft werden. Mehr erzählt er nicht und auch das hat er nicht so richtig erzählt, das sind Gerüchte. Ich glaube schon, dass das illegal ist. Man kann nicht irgendwo in einen Wald fahren und Bäume abholzen, um sie dann als Tannenbäume für viel Geld zu verkaufen, auch im Norden nicht. Aber er scheißt auf Baumschulen, das erzählt er, Baumschulen sind billige Massenproduktion, darauf scheißt er. Riech mal meine Bäume, sagt er, riech mal. Seine Bäume riechen nach Norden. Baumschulenbäume riechen nach Fichtenparfum, sagt er, so eine Scheiße.

Soweit meine Mutter auf ihr Leben zurücksehen kann, kaufen sie und ihre Familie Tannenbäume bei dem Mann. 60 DM hat früher einer gekostet, das ist teurer als anderswo. Aber das gibt sie gerne aus, sagt meine Mutter, denn diese Tannenbäume aus dem Norden riechen nicht nach Fichtenparfum. Ich finde das übertrieben, denn ich habe überall Tannenbäume gerochen und eigentlich riechen sie überall gleich. Auch auf dem Parkplatz neben dem Edeka, dort wo man die Bäume knittern kann ohne Ende und wo alles ganz schnell geht und wo die Öffnungszeiten eingehalten werden und ab Anfang Dezember beginnen, wo niemand erst nach Norden fahren muss und dann neben seinen Bäumen in einem Wagen schläft, wo ein Baum 15 Euro kostet und sogar ein Bon aus der Kasse kommt, auch da riechen die Bäume total okay. Ich habe das im letzten Winter getestet. Da sind sie schneller mit dem Einpacken, mit dieser Maschine, die ein Netz um den Baum dreht, damit er ins Auto passt. Da guckt keiner komisch, wenn man zu nah an den Baum kommt, da läuft Musik aus einer großen Box und auch wenns schlechte ist, da läuft Musik.

Man kann den Mann nicht googeln und auch seine Tannenbäume nicht. Entweder man fährt hin, hinter die ersten drei Felder, von denen eines ein halbes Industriegebiet ist, bevor es dann richtig ins Nirvana geht, oder man lässt es. Wenn man Glück hat ist er da und passt auf, dass niemand seine Zweige knickt. Wenn man sich einen Baum ausgesucht hat, kann der Mann sich schwer von ihm trennen, aber natürlich tut er es dann doch, weil er Geld braucht. Der Wagen frisst viel, sagt er. Der Wagen frisst viel und er muss nächstes Jahr nach Norden.

Er steht jetzt seit über zwei Wochen wieder am Stand auf dem Feld, wortkarg, unauffällig, grau wie immer. Meine Mutter ist vor zwei Tagen zufällig vorbeigefahren. Alle Babys sind noch seine, keines wurde verkauft.  

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Up on the blog!

Die dilettantisch rauschige Aufnahme meiner winzigen Lesung im Rahmen der Frankfurter Buchmesse am 10.10. - “Dichte Geschichten 4.0.” Von Versailles, Schlachtabfällen und geföhnten Wimpern, mit dem großartigen Sebastian Meineck in der Anmoderation. Reinhören!

i’m now officially on ello. still don’t get this network, that bio-facebook doesn’t work properly and has some issues in its beta-phase, but have a look, come around and don’t get it with me! i’m going to post art that i find inspiring, as well as music, interviews, quotes and some text. 

what we know: ello is an ad-free network that doesn’t sell your data to third parties. we’re not a product anymore, that’s being bought and sold. nice. ello is invite only.

zum 90.

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in welcher epoche wäre es wichtig

kritik am nebel zu äußern

durch die romantik hat man uns gefüttert

im damenkränzchen galt sie als rationale pragmatikerin

frau pilcher war die perfekte hausfrau und nie

übermäßig emotional

jetzt wissen wir kommen wird

fließend gekreppte seide über dein

dünnes halsband ein fadenscheiniges äderchen

wir treffen uns wenn es schwierig wird

zum golfen oder moorhuhnschießen

Ankündigung. 10. Oktober 2014.

Die Lesereihe Dichte Geschichten geht erneut, pünktlich zur Frankfurter Buchmesse ins vierte Rennen. Nicht umsonst heißt die Veranstaltung dieses Mal DICHTE GESCHICHTEN 4.0.

Von mir gibt es keine Geschichten, aber - wie gewöhnlich - dichte Lyrik, nach außen offen. Und: Ich werde nicht die Einzige sein! Es lesen außerdem Preisträger des lyrix-Wettbewerbs, sowie Autorinnen und Autoren aus dem sexyunderground und Babelsprech.

Kommt vorbei!

10. Oktober, 19h, Orange Peel, Frankfurt. Der Eintritt ist frei.

Hier geht’s zur Facebook-Veranstaltung.

"You look at me like an emergency." - Cig Harvey

Bei meinem Besuch in Berlin vor etwas mehr als zwei Wochen haben Anke Grünow und ich es endlich geschafft uns zu treffen. Da gingen unsere Leben plötzlich über Instagram hinaus und trafen sich. Denn zwischen Daimler-Ausstellung, Helmut-Newton-Schwärmerei, muschelförmigen Nudeln mit Bolognese, Mahnmal im Dunkeln, Armani-Posing, Walker-Evans-Ausstellung, Edgar-Allen-Poe-Theater und Buchmarkt-Plünderungen, sind einige schöne Photos entstanden. Das passiert schon mal, wenn man die Kamera um die Schulter trägt und immer gleich den Film voll kriegen will. Genau so macht es Anke nämlich. She still shoots film, größtenteils, übrigens. Und mehr davon gibt es in Kürze. 

Vor allem möchte ich diesen Post aber nutzen, um den Blick auf ihre Photographie und Schreiberei zu richten! Unter dem Namen smallcutsensations fabriziert Anke nämlich seit ein paar Jahren ganz schön tolle Sachen. Unter anderem wurde sie damit schon im myp-Magazin abgedruckt.

PS: Auf unserem Streifzug durch die Stadt haben wir ein großartiges Buch entdeckt. Ich habe Anke genötigt es zu kaufen. Schaut mal rein

Soundtrack: HIER!

Ankes Flickr-Portfolio: HIER!

Und wenn ihr durch ihren Blog stöbern wollt: HIER ENTLANG!

Das heißt: Empfehlung! Wärmstens, von Herzen!